Wir über uns

42 Jahre AK71

Das ist ein verdammt lange Zeit.
Kind der Post – 68er. Mit klaren programmatischen Standpunkten:
Überparteilichkeit; nicht-konfessionelle Gebundenheit; offen für „Betroffene“ und Nicht-Betroffene; vereint im Engagement, etwas zu tun.

Die Gründungsphase ist geprägt gewesen von zum Teil sehr kontroversen politischen Diskussionen. Intern unter anderem in der Arbeitsgruppe, Kapitalismus und seelische Krankheit, extern durch Aktionen wie das Durchführen von Veranstaltungen, in denen Forderungen gestellt worden nach Auflösen der Großkrankenhäuser; Einstellen der „Elektrokrampftherapie“; Abschaffen der Patientenvorführungen vor angehenden MedizinstudentInnen.
Zudem fanden Podiumsdiskussionen mit VerteterInnen politischer Parteien statt.

Untrennbar mit dem Entwickeln des Vereinslebens (Praxis wie Theorie) verbunden ist das Etablieren der Sozialpsychatrie, auf die im Umkehrschluss AK-Mitglieder Einfluss nehmen wollten. Letztere haben ihr Selbstverständnis unter anderem wie folgt festgeschrieben: „AK-Mitglieder haben sich die wirksame Mithilfe bei der Rehabilitation psychisch Kranker (seelisch Gekränkter; Heinz-Jürgen Harder Anm. M.K.) zur Aufgabe gestellt. Im Einzelnen sind dies das Einrichten von Wohn- und Arbeitsgemeinschaften (Arbeitskollektiven); deren gemeinnützigem Verwalten; Gemeinschafts- und Kontaktpflege; Öffentlichkeitsarbeit. Eine Kombination aus Wohngemeinschaft und Büro scheint eine adäquate Form zum Erreichen dieser Ziele zu sein“.

Was ist daraus geworden?

Als erstes und wichtigstes: der AK71 ist am Leben; hat sein Zentrum in zentraler Stadtlage. Von den Gründungsmüttern und Gründungsvätern postulierte „praktische Hilfe“ zum Beispiel bei Behördengängen; der Wohnungssuche; dem Gespräch „auf gleicher Ebene“ im AK-Zentrum; der Möglichkeit, dort selbst am Leben aktiv handelnd als Gruppen- oder TeestubenleiterIn Verantwortung zu übernehmen oder teilzunehmen oder aber „einfach da zu sein, abzuschalten“, das alles ist möglich. Die politischen Diskussionen sind in den Hintergrund getreten.

Einige Menschen – nicht nur Mitglieder – haben in einer für sie meist schwierigen Lebensphase Unterstützung, Hilfe erfahren, sie blieben dem AK gedanklich verbunden. Andere sind verstorben. Ihnen allen gilt unser Dank.

Für die Entwicklungsgeschichte des AK71 von Bedeutung gewesen ist die Freundschaft zwischen Gerd-Rüdiger Bendiks(Gründer) und Professor Dr. Dr. Klaus Dörner.

Betrachtungen und darüber

Jubiläum? Seit Jahrzehnten sind wir da, behaupten uns, versuchen es nicht nur. Generationen kamen inzwischen und gingen, manche von denen nicht ganz freiwillig oder sie wären fast gestorben, sind jetzt wieder dabei. Oder, nein, sie baden nicht in ihrem Leiden, nicht nur in ihrer Betroffenheit. „Manche von uns fürchten sich, dass ihr Leiden einfach verheimlicht werden könnte“. Andere befürchten dagegen, dass die Wahrheit (ihre Wahrheit) in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen könnte.

Aber nein: So Belanglos ist es nicht. Dass es uns gibt, noch gibt. Wir sind da! Wir hören; wir sehen; wir reden miteinander. Hier bei uns. „Wir leiden, wir schweigen; wir verstummen auch vor dem Leben, dass uns blüht und droht. Manchmal vermag ich kaum weiterzuleben: das Leben, von dem jedermann gerne spricht, oder die Zukunft oder was weiss ich, steht wie ein großer, mächtiger Kohleberg undurchdringlich vor mir…“

Nein! Wenn wir uns bestärken. In unserem Verein: unsere sozialautonomen Regeln, von uns selbst erstellt und auch versucht, sie gelten zu lassen. So frei wie möglich zu trauern, zu verstummen, uns zurückzuziehen, im Leiden wohnen zu bleiben, zu erstarren. Nein: wieder aufzublühen; wieder die Augen öffnen, wieder sehen; wieder agieren. „Was wir hier sagen, die Welt wird’s wenig beachten und nicht lang in Erinnerung haben; aber was der AK71 tat, zumindeset versuchte, dass kann sie nie vergessen“.

Wir vom AK71, im AK71, sind nicht einfach die, die ein bisschen an der Welt gelitten haben, dann ihr Leiden überlebten; sich posttraumatisch in ihren Träumen, in ihrem Leiden und Wunden lecken etablierten. Wir sind es, die dem Café Durchschnitt, dem AK71 Leben geben, Leben verleihen. Aber: wir wollen es nicht irgendwann wiederhaben und dann von seinen ungelebten Zinsen existieren.
„Der einzige Trost ist – wäre dann -, dass auch dieses erbärmliche rumgekrieche zuende geht“.
Wir leben gegen das Erbärmliche (siehe oben); gegen das Bevormundende; gegen das Fremdbestimmte. Wir behaupten uns – wir: der Verein; der eV; die SHG, die älteste Deutschlands – für Leute wie uns.
„Die Morgensonne dringt ins Café Durchschnitt / sie vertreibt den Rauch und verbrennt den Nebel / ein belebender Wind erfüllt die Welt / und Lachen erhellt die Gesichter aller seelisch Gekränkter.

So ist es!

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